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Verständnis für den eigenen Lebenslauf

Verständnis für den eigenen Lebenslauf - Dr. med. Susanne Hofmeister - HeidelbergEs scheint zur Signatur des 21. Jahrhunderts zu gehören, das eigene Leben in all seinen Chancen voll ausschöpfen zu wollen. Dazu passt, dass viele Menschen heute oft schon in der frühen Lebensmitte ihr „Woher“ besser verstehen wollen, um zielsicherer und ohne Umweg das „Wohin“ gestalten zu können. Die anthroposophische Biographiearbeit eignet sich in jedem Alter zu einer persönlichen Standortbestimmung. Sie bezieht die spirituelle Dimension der Entwicklung des individuellen Ichs und seiner geistigen Heimat mit ein.

In der Biographiearbeit lernen wir – im Unterschied zu herkömmlichen psychotherapeutischen Maßnahmen –, unseren meist auf Probleme gerichteten Blick zu verwandeln. Wir betrachten das Leben in seinem Zusammenhang. Wir bekommen ein Gefühl für unseren persönlichen roten Lebensfaden. Dies schenkt uns Vertrauen für die Zukunft. Wir nehmen uns in unserem Ich ernst. Wir sind als Menschen lebenslang lern- und damit entwicklungsfähig. Wir dürfen das Älterwerden als Geschenk für unsere seelisch-geistige Entwicklung begreifen. Wir übernehmen Verantwortung für unser Leben und treten schrittweise aus der passiven Opferrolle in eine aktive Lebensgestaltung. (Susanne Hofmeister, 2016)

„Es ist eigentlich eine Schande, dass einem keiner zur Geburt einen Bauplan mitgibt; sonst heißt es immer: Lies dein Benutzerhandbuch!“, meinte Anja in einem meiner Workshops zur Biographiearbeit. Tatsächlich erarbeiten Sie sich mit ihrer Hilfe Ihr eigenes „Benutzerhandbuch“: Sie lernen, die Zusammenhänge in Ihrem Leben zu verstehen und die Chancen zu erkennen, die gerade in den schweren Passagen des Lebens liegen, sie in Fähigkeiten umzuwandeln und für Ihre Zukunft zu nutzen. Biographiearbeit schenkt Ihnen ein neues, tiefes Verstehen für die Sinnhaftigkeit Ihres Lebens. Sie spricht Sie in Ihrem Ich an. Sie erleben die große Kraft der kleinen Schritte: Dies lässt Ihr Leben wieder handhabbar werden. (Susanne Hofmeister „WOHIN“, Seite 18)

Die Jahrsiebte des Lebens

Wir können das Leben bis zum 63. Lebensjahr in 9 Jahrsiebte mit jeweils 3 großen Lebensabschnitten von je 3 mal 7, also 21 Jahren, aufteilen. Im 4. großen Lebensabschnitt nach dem 63. Lebensjahr hat sich, passend zum Ruhestand, der familiäre und berufliche „Pflichtteil“ des Lebens abgerundet. Es folgt die Kür, in der uns mit großer Freiheit nochmal ganz neue Möglichkeiten erwarten können.

Selbstverständlich trifft diese Jahrsiebteinteilung nicht auf jedes Leben zu. Manchmal sind es 6 oder 8 Jahre oder ein Leben richtet sich gar nicht danach. Oft müssen wir auch erst eine gewaltige Portion Skepsis vor solchen „Lebenseinteilungen“ überwinden. Dann ist es jedoch verblüffend zu erleben, wie genau diese großen Rhythmen eingehalten werden. Schon diese Entdeckung einer tieferen Ordnung kann zu einem Gefühl der inneren Ruhe und des vertrauensvollen Getragenseins führen.

Man unterscheidet zunächst drei große Lebensabschnitte von jeweils circa 21 Jahren:
In der Zeit der leiblichen Entwicklung – bis etwa 21 Jahre – finden auf der Körperebene Wachstum und Entwicklung statt. Wir verbinden uns innerlich mit uns und unserer Umgebung. Im Seelischen ist es die Zeit, in der wir „nehmen und bekommen“.

In der Zeit der seelischen Entwicklung – von 21 bis 42 Jahren – lernen wir uns kennen, entdecken die Welt und richten uns in ihr ein. Auf der Körperebene leben wir in dieser Zeit auf einem Plateau: Unsere ganze Körperkraft steht uns zur Verfügung. Alles erscheint uns machbar! Wir expandieren in dieser Phase und wir organisieren unser eigenes Leben.

In der Zeit der geistigen Entwicklung – also etwa ab 40 – finden wir zu unserer Lebensaufgabe und können unsere Zukunftsimpulse zielsicher in der Welt verwirklichen. Im Körperlichen beginnt nun – zunächst unmerklich – die Zeit des Alterns. Dadurch stehen uns jetzt die Lebenskräfte, die vorher körperlich gebunden waren, zur freien Verfügung. Allerdings müssen wir sie aktiv gestalten. Wir können diese schöpferische Entwicklungskraft deutlich spüren. Mit ihr kommen wir zu einem umfassenden Verständnis des Lebens, das uns Gelassenheit schenkt. Wir treten jetzt in unsere soziale Führungsphase ein, die Zeit des Gebens, der Altersweisheit beginnt. (Dr. med. Susanne Hofmeister, WOHIN, GU-Verlag 2014, Seite 15-17)